2006 bereicherte Christian Stock Gröbenzell um eine ungewöhnliche Attraktion:
er verwirklichte seinen lang gehegten Traum und ließ eine umgebaute Kirchenorgel in die Eingangshalle seines Bürogebäudes, dem “Stockwerk” in der Industriestr. 29-31 einbauen.
Die Harder-Völkmann-Orgel ist die weltweit größte Orgel (Link Orgel) in einem Bürocenter. Sie wurde von Harder-Völkmann Orgelbau unter Verwendung historischer Substanz neu
erbaut. Neben 53 Orgelregistern (Link Register), Akkordeon und Klavier besitzt sie das umfangreichste Orgelglockenspiel und die einzige Orgelmarimba Europas.
Musikliebhaber durften seitdem zahlreiche Orgelkonzerte in der großen Eingangshalle genießen. Doch Stock wollte mehr.
“Mir fehlte klanglich das Geheimnisvolle, das Besondere. Es war halt einfach “nur” eine (große) Orgel in einem Bürogebäude.”
Dem hat Orgelbauer Markus Harder-Völkmann nun abgeholfen. Er hat die Orgel “aufgestockt”, indem er sie um mehrere seltene Pfeifenregister sowie um ein eingebautes Klavier und Akkordeon bereicherte. Marimba und Glocken werden folgen.
Mit diesen Veränderungen wurde eine klangliche Farbpalette erschaffen, die in dieser Bandbreite ein absolutes Novum darstellt. “Ich sage immer: Früher hatten wir einen Volksempfänger, jetzt haben wir Dolby Surround”, lacht Stock.
“Die Orgel war von Anfang an einzigartig in ihrer Art – auch durch ihre technischen Finessen. Den Klang haben wir noch mal gesteigert.
Nun ist er einfach satter, aber auch schärfer und differenzierter. Ich kann guten Gewissens behaupten, dass der Klang der Orgel nun einer echten Domorgel in nichts nachsteht. Dazu kommt, dass es mit der Erweiterung des Instruments mühelos möglich ist, ein komplettes Orchester zu imitieren.Für eine Orgel, die in der Eingangshalle eines Büros steht, eine gewaltige Leistung.”
Doch der neue Kathedralen- und Orchesterklang ist nur ein Aspekt der Erweiterung. Die Orgel war vor dem Umbau klanglich noch sehr dem Orgelkontext verhaftet: Sie hat die verschiedenen Künstler noch nicht dazu verführt, über den Tellerrand zu blicken. Doch genau das ist die Vision von Stock: Die Orgel vom verstaubten Kirchendachboden herunterzuholen und in die Kunst zu integrieren.
Stock und Harder-Völkmann fordern Künstler auf, mit der Orgel neue Wege zu beschreiten, herumzuprobieren, zu experimentieren. Orgel und Tanz, Kunstinstallationen in Interaktion mit der Orgel, Orgel und Popmusik – alles ist möglich. “Beispielsweise ein Stück wie Tubular Bells von Mike Oldfield zu spielen – das wäre mit der ursprünglichen Orgel klanglich überhaupt nicht drin gewesen”, sagt Harder-Völkmann.
Stock ergänzt: “Wir haben mit der Orgelerweiterung unsere Idee von der Verbindung Orgel und Kunst konsequent weitergesponnen. Es wird Zeit, “das Baby” abzugeben an Künstler, die etwas aus den neu geschaffenen Möglichkeiten machen. Deren Wünschen nachzukommen, wird sicher nicht immer leicht sein. Aber wir sind offen und bereit, uns auf neue Anforderungen einzulassen.”

Es gibt jede Menge Verrücktheiten auf der Welt. Eine davon ist sicher, eine eigene Orgel zu besitzen.
“Die meisten halten mich für einen kompletten Spinner, wenn sie erfahren, dass ich eine Orgel im Büro stehen habe”, gibt Christian Stock zu.
“Zumal ich das Instrument ja nicht einmal spielen kann. Das überlasse ich lieber den Virtuosen. Man muss ja auch nicht selbst malen können, um sich für Kunst zu begeistern.”
Stocks Liebe zur Orgel begann schon sehr früh. Als Junge war er Solist bei den Münchner Chorbuben und bei Tourneen kam er viel herum. Jeden Tag ein Auftritt in einer anderen Kirche.
Während die anderen Chorknaben ihren Mittagsschlaf hielten, musste der kleine Solist meist schon früher in die Kirche, um seine Soli zu proben. Dort beobachtete er immer den Organisten, der die Kirchenorgel für das anschließende Konzert registrierte. Die vielen Knöpfe und Pfeifen faszinierten ihn. “Ich hätte stundenlang beim Registrieren zuschauen können, das wurde für mich nie langweilig. Dadurch, dass wir jeden Tag in einer anderen Kirche auftraten, sah ich jeden Tag eine neue Orgel und fand es beeindruckend, dass sich jede von der anderen unterschied”, erinnert sich Stock.
Doch der große Durchbruch für den Beginn seiner Leidenschaft kam, als er die Orgelphantasie “Großer Gott, wir loben dich”, hörte. “Dieser mächtige Klang ging mir total unter die Haut. Das war das Schönste, was ich als elfjähriger Bub gehört habe.”

Seit dieser Zeit war die Orgel für Stock immer ein magisches Instrument. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern, bis sich seine Liebe zu einem ungewöhnlichen Hobby formte. “Nach meiner Zeit als Chorknabe hatte ich ziemlich lange die Nase voll von klassischer Musik. Da ist auch meine Liebe zur Orgel etwas untergegangen.
Aber vor etwa zehn Jahren bin ich mit einer Freundin nach Italien gefahren. Auf der Autofahrt hörten wir die ganze Zeit Puccinis “Tosca” – der Neubeginn meiner alten Liebe zur klassischen Musik. Gleichzeitig kam auch mein verschüttetes Schwärmen für die Orgel wieder ans Tageslicht. Einmal “Tosca” auf einer Autofahrt hat also einiges bewirkt.”
Von dieser Zeit an besuchte Christian Stock regelmäßig Orgelkonzerte, wo er vor neun Jahren den Organisten Stephan Moser, den Begründer des “Orgelpunkt” kennen lernte.
Eine Bekanntschaft mit Folgen: Denn von Moser lernte Stock, dass “die Königin der Instrumente” nicht nur in den ehrfurchtgebietenden Rahmen der Kirche passt.
Mosers Kombinationen der Orgel mit Instrumenten wie Saxophon und Dudelsack und sein ungewöhnliches musikalisches Programm begeisterten Stock so sehr, dass er 2004 den Neubau des kühnen Konzertspieltisches in der Münchner St. Lukas Kirche finanziell unterstützte. Dort lernte er den Orgelbauer Markus Harder-Völkmann und den Physiker Jürgen Scriba kennen.
Harder-Völkmann und Scriba waren für den Bau und die Elektronik des Spieltisches verantwortlich. “Mit den beiden habe ich mich dann immer wieder unterhalten und bei den Gesprächen setzte sich in meinem Kopf ziemlich bald der Gedanke fest, mir den Traum einer eigenen Orgel zu erfüllen.
Anfangs sollte es eigentlich eine Kinoorgel sein, doch dann machte Markus Anfang 2005 eine Orgel in einer Kirche in Duisburg ausfindig, die abgerissen werden sollte.
Harder-Völkmann und ich haben sie uns gemeinsam angeschaut, im Juni 2005 dann abgebaut und mit dem LKW in die Werkstatt des Orgelbauers überführt.”
Christian Stock lacht: “Und seitdem wird an der Orgel herumgebastelt was das Zeug hält. Denn eines kann ich schon verraten: Wir haben mit dieser Orgel noch viel vor.”
Geplant sind regelmäßige Konzerte, aber auch die Verbindung von Musik und Film, wie zum Beispiel zur Begleitung von Stummfilmen wie “Nosferatu”. Orgelfreunde und solche, die es werden wollen, dürfen in jedem Fall gespannt sein.
